Analoger, langsamer, bewusster: Warum wir menschenfreundlicher leben sollten
Der Stift gleitet über das Papier, Fehler werden durchgestrichen, bleiben jedoch sichtbar.
Analog arbeiten, sich mehr Zeit nehmen, bewusst langsamer arbeiten? Klingt altmodisch, ist aber aktueller denn je. Denn mit Fokus und Reibung kommen auch Tiefe und Qualität. Und damit die menschenfreundliche Arbeit, die uns heute viel zu oft fehlt.
Der Stift gleitet über das Papier, Fehler werden durchgestrichen, bleiben jedoch sichtbar. Ein Gedanke unterbricht den Schreibfluss. Nach Momenten des Denkens fließen die Ideen schneller, als die Hand sie auf das Papier bringen kann.
Das Auge folgt den gedruckten Zeilen auf dem Papier. Der Blick fällt auf den E-Ink-Bildschirm, der die elektronische Tinte viel langsamer aktualisiert als die gewohnten Displays.
Hattest du beim Lesen dieser Zeilen auch Bilder vor Augen? Wenn ja, welche Gefühle haben sie in dir ausgelöst?
Bei mir waren es Szenen kreativer Entspannung, hoher Konzentration und konzentrierten Schaffens.
Wichtig ist jedoch vor allem, was in diesen Szenen völlig fehlte: Benachrichtigungen und ständig nach Aufmerksamkeit rufende elektronische Geräte.
Zwar schreibe ich auch diesen Text auf einem elektronischen Gerät, doch dabei handelt es sich um eine moderne Form der Schreibmaschine, einen Freewrite. Ein spezialisiertes Werkzeug rein zum Schreiben von Texten, ohne Browser, E-Mail oder Benachrichtigungen.
Genau dieser reduzierte Charakter ist der Punkt: Es tut eine Sache sehr gut. So wie Stift und Papier, so wie E-Reader. Alle diese Werkzeuge haben eines gemeinsam: Ihren Fokus. Und damit verbunden auch Reibung, denn die Arbeit mit ihnen ist langsamer und mühsamer als die Arbeit mit Smartphone, Tablet und Computer.
Doch genau diese Reibung tut uns gut. Sie ist menschenfreundlich.
Langsamer, bewusster, tiefer: Qualität ist menschenfreundlich
Smartphones, Laptops und Tablets sind faszinierende Geräte. Sie vereinen zahlreiche Funktionen in sich, verbinden uns mit tausenden Menschen weltweit und haben sowohl unsere Arbeits- als auch unsere Informations- und Kommunikationswelt deutlich beschleunigt.
Danke dieser vielseitigen Geräte, der fast dauerhaft verfügbaren Internetverbindung und vieler technologischer Errungenschaften können wir heute Dinge in einer Geschwindigkeit tun, die noch vor wenigen Jahren völlig aberwitzig gewesen wäre.
Vieles an diesen Entwicklungen ist wunderbar, hat uns neue Chancen eröffnet und uns weitergebracht. Ohne Internet und Computer würdet ihr weder diese Worte lesen noch könnten Steffi und ich unserer Arbeit nachgehen.
Doch bei allen Vorteilen hat diese Entwicklung auch eine gewaltige Schattenseite: Ihre Geschwindigkeit IST aberwitzig und für uns Menschen viel zu schnell.
Wir sind weder für die Aufnahme so großer Informationsmengen gemacht noch für die Geschwindigkeit der Kommunikation. Von der fast dauernden Erreichbarkeit ganz zu schweigen.
Das merken auch immer mehr Menschen. Jugendliche tauschen ihr Smartphone temporär gegen ein Dumbphone ein, der Trend zum analogen Arbeiten ist - zumindest gemessen an der Zahl der YouTube-Videos - so populär wie nie (allein die Bullet Journal Methode findet immer größeren Zuspruch).
Dabei geht es nicht um eine Verklärung vergangener Zeiten oder eine "früher war alls besser" Mentalität. Ich habe eine Schreibmaschine - eine richtige, mechanische - und liebe sie als Hobby, aber ich würde meinen Laptop natürlich nicht gegen sie eintauschen wollen.
Aus meiner Sicht geht es nicht darum, Technologie abzulehnen, sondern zu einer menschenfreundlichen Geschwindigkeit zurückzukehren.
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5 Schritte zur menschenfreundlichen Geschwindigkeit
Die konkrete Geschwindigkeit ist für jede und jeden unterschiedlich. Doch es gibt fünf Schritte, die aus meiner Sicht dabei helfen, deine eigene menschenfreundliche Geschwindigkeit und die dafür nötigen Strukturen zu finden und zu etablieren.
1. Kläre deine Prioritäten.
Welche Informationen zu welchen Themen sind dir wichtig? Schreib das einmal klar auf und fokussiere dich auf diese Themen. Alles andere kannst du ausblenden. Wirklich wichtige Ereignisse wirst du mitbekommen, garantiert.
2. Experimentiere mit verschiedenen Medien und Konsumarten.
Ist lesen für dich der beste Weg bestimmte Informationen aufzunehmen? Sind Audio oder Video in manchen Situationen oder für ausgewählte Aspekte die besseren Medien? Probiere es aus. Wenn du deine Vorlieben kennst: Halte dich an sie und verzichte auf Medienkonsum, der für dich nicht passt.
3. Setze dir Grenzen.
In einer Zeit, in der scheinbar alles grenzenlos und nichts unmöglich ist, klingt dieser Ratschlag vermutlich altmodisch. Doch wir sind als Menschen mit natürlichen Grenzen für die Verarbeitung von Informationen versehen. Diese Grenzen sollten wir nicht ignorieren, sondern nutzen. Wenn du dich auf die Dinge konzentrierst, die dir wirklich wichtig sind, wird aus FOMO ganz schnell JOMO.
4. Schaffe Reibung und werde langsamer.
Wenn der dritte Schritt altmodisch klang, wird dieser vierte Schritt fast schon technologiefeindlich wirken. Reibung schaffen? In einer Zeit, in der uns generative verspricht, auch die letzte Reibung zu beseitigen? Langsamer werden? Wie soll das gehen, Zeit ist Geld. Meine Antwort: Es geht um Qualität und Tiefe. Wenn du Reibung suchst und beispielsweise mit Stift und Papier denkst und kreativ bist, nimmst du dir Zeit und bremst dich scheinbar aus. Tatsächlich gewinnst du Qualität, kreative Zeit und Reflexion.
5. Trenne wichtige von hektischer Arbeit.
Kennst du Tage, an denen du wirklich viel schaffst und dich am Schluss dennoch fragst; Was habe ich heute eigentlich den ganzen Tag getan? Das sind Tage voller hektischer Arbeit. Wichtige Arbeit mag langsam wirken, geht dafür jedoch in die Tiefe. Wenn du ein Konzept oder ein Problem auf Papier durchdenkst und entwickelst, ist das wichtige Arbeit.
Bei solchen Aufgaben sind Reibung und ein menschenfreundliches Tempo entscheidend. Stehen die Gedanken dann kann für die hektische Arbeit, das Digitalisieren der analogen Inhalte, gerne Technik zum Einsatz kommen, die den Schritt beschleunigt. Wichtig ist nur, dass du für dich den Unterschied zwischen wichtiger und hektischer Arbeit klar hast.
„Wie schaffst du für dich deine menschenfreundliche Geschwindigkeit?“
Bildquelle:
„Stockfotografie jung und Bildung, Frau, die für den Hochschultest studiert” ©️ by frankie_s via depositphotos.com
„The 5Th Gif” by @SalamandraUK via Giphy.com