Du willst Vorsätze mit Tiefgang? Wähle Intention statt To-dos
Introvertierte brauchen etwas anderes als To-dos?
Neujahrsvorsätze ohne Druck? Für Introvertierte können Intentionen nachhaltiger sein als To-dos – ein leiser, persönlicher Start ins neue Jahr.
Für mich hat der Start in den Januar etwas Entspanntes: Die Tage sind kurz, das Licht ist weich und die Welt wirkt gedämpfter. Eigentlich ist das ein guter Moment für Introvertierte und doch fühlt sich genau dieser Monat oft erstaunlich laut an.
Überall sind Vorsätze, Ziele und Pläne zu hören.
Mehr Sport, mehr Erfolg, mehr Disziplin.
Ich sitze dann mit einer Tasse Kaffee am Tisch, einer der Kater schnurrt zusammengerollt neben mir, und frage mich:
Warum fühlt sich ein Neubeginn oft so anstrengend an?
Vielleicht, weil viele Neujahrsvorsätze nicht aus einem selbst heraus entstehen, sondern von außen kommen?
Und vielleicht, weil Introvertierte etwas anderes brauchen als To-do-Listen, die sofort Leistung verlangen?
Warum erschöpfen klassische Neujahrsvorsätze Introvertierte?
Viele Vorsätze funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Sie sind messbar, kontrollierbar und optimierbar. Sie machen Ergebnisse sichtbar und das schnell.
Für Introvertierte bedeutet das oft Daueranspannung, weil diese Art der Zielsetzung kaum Raum für innere Prozesse oder Zwischentöne lässt.
Wir denken gerne nach, wägen ab und brauchen Raum, um Entscheidungen innerlich reifen zu lassen. Wenn ein Vorsatz dann wie ein innerer Antreiber wirkt, entsteht schnell das Gefühl, nie hinterherzukommen.
Nicht, weil wir faul wären, sondern weil unser Energiehaushalt anders funktioniert.
Statt Motivation entsteht Druck.
Und Druck ist selten ein guter Begleiter für nachhaltige Veränderung.
Oft schleicht sich sogar ein leises Schuldgefühl ein, wenn wir merken, dass wir nicht „dranbleiben“, obwohl wir innerlich längst erschöpft sind.
Warum To-do-Listen gegen unser inneres Tempo arbeiten
To-do-Listen sind laut. Sie fordern Aufmerksamkeit, wollen erledigt werden und bewerten unseren Tag.
Für viele Introvertierte entsteht dadurch ein inneres Ungleichgewicht: Außen ist klar, was zu tun ist, doch innen fühlt es sich nicht stimmig an.
Ich habe oft gemerkt, dass ich Aufgaben abhake, ohne wirklich dabei zu sein.
Abends bleibt dann das Gefühl:
„Ich habe viel gemacht, aber wenig gespürt. Genau hier liegt der Knackpunkt. Introvertierte brauchen Bedeutung, nicht nur Aktivität.“
Wenn der Fokus zu sehr auf dem Abhaken liegt, verlieren wir den Kontakt zu dem, warum wir etwas tun wollten. Die Liste wird erfüllt, wir selbst aber nicht unbedingt.
Was sind eigentlich Intentionen?
Eine Intention ist kein Ziel im klassischen Sinne. Sie sagt nicht, was du leisten sollst, sondern wie du durchs Leben gehen kannst.
Für mich ist eine Intention eher eine innere Haltung als ein äußerer Plan.
Eine Intention kann beispielsweise sein:
Achtsamer mit der eigenen Energie umzugehen.
Entscheidungen langsamer treffen.
Mehr Tiefe statt mehr Termine zuzulassen.
Sie ist kein „Du musst das jetzt machen!”, sondern eine innere Ausrichtung. Und sie darf weich sein.
Unklar sogar.
Sie darf sich verändern, leiser werden und pausieren. Vor allem aber darf sie dich begleiten, statt dich anzutreiben.
Warum Intentionen perfekt zur Introversion passen
Introvertierte sind oft stark mit ihrem Inneren verbunden. Wir spüren zwar früh, wenn etwas nicht mehr passt, ignorieren es aber manchmal zu lange, weil der Alltag lauter ist als unsere innere Stimme.
Intentionen helfen dabei, diese Stimme wieder ernst zu nehmen. Sie verlangen keine ständige Selbstkontrolle, sondern laden zur Selbstwahrnehmung ein.
Anstatt Leistung zu fordern, fördern sie Bewusstsein.
Das entspricht genau der introvertierten Art, mit sich selbst in Beziehung zu sein: reflektierend, ruhig und tiefgehend.
Veränderung entsteht hier nicht durch Druck, sondern durch Verstehen.
Lesetipp:
An Introverts Guide to Maximizing Energy Through Intention - Ashley Janssen
Die richtige Frage finden statt das richtige Ziel
Wenn ich mir eine Intention für das neue Jahr suche, dann beginne ich nicht mit der Frage „Was will ich erreichen?“, sondern stelle mir Fragen wie:
Wann habe ich mich im letzten Jahr ruhig und bei mir selbst gefühlt?
Was hat mich leise gestärkt, ohne viel Aufsehen?
Was möchte ich mir selbst öfter erlauben?
Diese Fragen entstehen nicht am Schreibtisch zwischen zwei Terminen. Sie kommen beim Spazierengehen, beim ersten Kaffee des Tages oder in diesen stillen Momenten, die du als Introvertierte sicherlich gut kennst.
Oft sind es keine spektakulären Antworten, sondern kleine, ehrliche Erkenntnisse.
Und genau darin liegt ihre Kraft.
Lesetipps:
20 reflection questions to help you have a mindful new year - Calm
10 Questions to Ask Yourself at the Start of a New Year - Time
Beispiele für leise Jahresintentionen
Manchmal hilft es, Worte zu lesen, um die eigenen zu finden. Gerade Introvertierte denken viel, formulieren ihre Bedürfnisse aber nicht immer klar.
Hier sind ein paar Intentionen, die sich nicht wie eine Pflicht, sondern wie eine Erlaubnis anfühlen:
„Ich gehe respektvoll mit meiner Energie um.”
„Ich wähle Tiefe statt Tempo.”
„Ich höre mir selbst früher zu.”
„Ich darf Pausen machen, bevor ich sie dringend brauche.”
Das sind keine Versprechen für die Zukunft. Es sind freundliche Erinnerungen an das, was jetzt schon wichtig ist. Und sie dürfen sich im Laufe des Jahres verändern – so wie wir selbst.
Wie Intentionen den Alltag verändern – ganz ohne Druck
Eine Intention begleitet, sie kontrolliert nicht.
Sie meldet sich leise, wenn Entscheidungen anstehen, oft erst im zweiten Moment.
Bleibe ich noch länger, obwohl ich müde bin?
Sage ich Ja, obwohl ich innerlich Nein fühle?
Die Intention flüstert, sie schreit nicht. Und genau deshalb wird sie von dir gehört.
Manchmal nicht sofort, aber rückblickend. Und genau dort beginnt nachhaltige Veränderung: im bewussteren Wahrnehmen kleiner alltäglicher Entscheidungen.
Lesetipps:
Life with purpose - Aeon
7 Ways to Apply ‘Emotional Duct Tape’ to Your Daily Life as an Introvert - Introvert, dear
The power of setting intentions & how to set mindful ones - Calm
Wenn selbst die besten Intentionen zu viel werden
Auch das darf gesagt werden. Manchmal ist selbst eine Intention zu viel. Der Januar kann schwer sein. Dunkel. Er ist still auf eine müde Art.
Dann ist die einzige Intention vielleicht: „Ich komme gut durch diesen Tag."
Oder: „Ich bin freundlich zu mir, auch wenn nichts vorangeht.”
Das ist kein Rückschritt. Es ist Selbstfürsorge. Und oft genau das, was nötig ist, um später wieder Kraft für leise Veränderungen zu finden.
Fazit: Ein entspannter Start in (d)ein neues Jahr
Vielleicht beginnt dieses Jahr nicht mit einem großen Plan. Vielleicht beginnt es mit einer Haltung. Mit einer inneren Bewegung, die kaum für andere sichtbar ist, aber viel für dich verändert.
Als Introvertierte*r musst du nicht lauter werden, um weiterzukommen. Du darfst tiefer gehen.
Und manchmal reicht genau das: eine Intention, die still neben einem herläuft – wie eine Katze, die nicht führen will, sondern einfach da ist.
Still, wachsam und im richtigen Moment präsent.
Bildquellen:
Titelbild „Kaffee vorhanden. Schöne Mädchen genießen Tasse Kaffee. Frau mit dem Becher des Getränks“ ©️ via Zwiebackesser depositphotos.com
Tired Art Gif ©️ Marie Margo via Giphy.com